Foto: Nigel Young

Preisträger BDA PREIS BERLIN 2006

Neubau Philologische Fachbereichsbibliothek FU Berlin

Berlin

Foto: Nigel Young
Projekt
Neubau der Philologischen Fachbereichsbibliothek der Freien Universität Berlin
Architekt
Foster + Partners
Bauherr
Land Berlin, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Berlin

Neubau Philologische Fachbereichsbibliothek FU Berlin

Bericht der Jury: Kongenial implantierte Sir Norman Foster seine neue Philologische Bibliothek mit klar erkennbarer Gestalt und Raumatmosphäre in den Cluster der Rostlaube der Freien Universität Berlin, in das Werk der Architekten Candilis-Josic-Woods-Schiedhelm, die als Teil der berühmten Avantgardegruppe Team X eine humane moderne Architektur angestrebt hatten. Dieses Bekenntnis setzt nun der britische Architekt mit seinem Neubau fort, das hier nicht nur im Geiste der Rolling Sixities einen neuen unverwechselbaren Baukörper, sondern auch einen sehr angenehmen wie ebenso effizienten zeitgenössischen Bibliotheksraum schafft.

Angesichts des drohenden Abrisses vieler Bauten der Nachkriegszeit formuliert Sir Norman Fosters Gebäude ein klares Statement für den Erhalt dieses architektonischen Erbes, aber auch für dessen Transformation, wenn neue Zwecksetzungen neue Räume erforderlich machen. So musste im Falle der Rostlaube der Freien Universität Raum für eine neue sprachwissenschaftliche Zentralbibliothek geschaffen werden, wofür die existierende Struktur keine Möglichkeit bot. Mit einer deutlich anderen Geometrie und Konstruktion gelang dem Briten die Lösung des Dilemmas, die darin bestand mit einer anderen als der vorgefundenen orthogonalen Geometrie ein neues Zentrum in den vormals zentrumslosen Cluster zu implantieren, welches sich nun als silbrig-transparentes „Ei“ mit zwei leuchtend-gelben Luftschleusen an die Altbauten andockt.

Ein Geschoß tief in die Erde eingegraben ist das „Ei“, 19 Meter hoch, 64 Meter lang und 55 Meter breit. Fast futuristisch ist seine Erscheinung mit seiner Aluminium-Glas-Haut, die großzügige Einblicke in seine Konstruktion erlaubt. Denn nahezu stützenfrei ist sein weiter Innenraum dank eines äußeren Raumfachwerks aus Mero-Knoten im Zwischenraum von Innen- und Außenhülle. Demonstrativ sichtbar ist das Raumfachwerk mit seinen leuchtend gelben Mero-Knoten, das sich deutlich von der zurückhaltenden Monochromie der Hüllen und des Innenraums absetzt und sich als konstruktives wie klimatisches Rückgrat des Gebäudes inszeniert.

Im Kontrast zu der freien Geometrie seiner Gestalt ist sein Innenraum symmetrisch um eine offene Mittelachse der Erschließung organisiert. Vier Etagen  hierarchieloser Leseterrassen rahmen den Luftraum seiner Mittelachse ein, die mit den versetzten Rhythmen ihrer weiten Bögen in den Raum  ausschwingen und beinahe die Innenhaut des Körpers berühren. Teils transparent, teils transluzent verschafft die Haut aus Glasfaserpanneelen, EFTE-Elementen und feinen Metallgeweben, dem Raum der Bibliothek eine unverwechselbare angenehme Lichtpräsenz.

Überaus positiv kommentierte die Jury, das hier der Architekt aufgrund eines wohl sehr engen Budgets auf seine üblichen, gehobenen Ausbauelementen bei Brüstungen, Interieur und Treppen verzichtete und alle Oberflächen auf das Wesentliche, auf die Farben Grau oder Weiß reduzierte, was nun die Leser und Bücher umso stärker hervor treten lässt. Vielleicht hätten dabei mehr Ausblicksmöglichkeiten den Nutzern gut getan, die sich nun recht unvermittelt in einem Inneren des „Eis“ wieder finden.

Dies schmälert kaum die besonderen Qualitäten der neuen Bibliothek, die sich erfrischend von der derzeit gepflegten Berliner Bibliotheksphilosophie absetzt, die Leser und Bücher nur stapelt und aufreiht. Entgegen derer repräsentativen, zentralperspektivischen Hauptlesesäle, die lange Wegstrecken der Leser zu Büchern und Arbeitsplätzen nach sich ziehen, bietet Fosters Bibliothek kurze Wege als auch recht spontane Blickkontakte zu anderen Lesern an.

Weniger überzeugend empfand ein Teil der Jury die dominante Axialität von Fosters vermeintlich barockem Formwillen, der sich nicht widerspruchsfrei in den freien Cluster der Ursprungskonzeption der Rostlaube implantiert und allzu demonstrativ inszeniert wird. Letztlich erwies sie sich als eine interpretatorische Streitfrage, die um den Kern kreiste, wie konzeptionell zukunftsweisend das Bibliotheksprojekt beurteilt werden kann. Vorbildlich klar und konsequent in Konzeption und Ausführung wurde der Philologischen Bibliothek der Architekturpreis Berlin 2006 zuerkannt, zumal auch der Architekt mit seiner zeitgleichen Modernisierung der Rostlaube höchst intelligent wie ebenso sensibel den Altbestand für die Gegenwart rettete.

 

Foto: Nigel Young
Foto: Nigel Young

Preisträger

BDA PREIS BERLIN 2006 – Preisträger Architekturpreis Berlin 2006